Sachmet Der Schwur

Cover von "Sachmet Der Schwur"

3. Auflage September 2018
ISBN: 9783752848717
208 Seiten, 13,99 €
Als E-Book: 5,99 €

Klappentext



Zwei Frauen, zwei Schicksale – über Jahrtausende hinweg verbunden durch mystische göttliche Kraft

1999 AD:
Luxor, Ägypten

Anna Berger, eine junge, selbstbewußte Archäologin, machen der Fund einer eigenartigen Statue, die Begegnung mit einem unheimlichen Bettler und rätselhafte Alpträume zu schaffen. Sie wird diese aufregende Grabungssaison im Jahr der Sonnenfinsternis niemals vergessen können.

1399 v. Chr.:
Uaset, Kemet

In
Uaset
, der aufstrebenden Stadt, die Pharao Amenhotep als neuen Regierungssitz auserkoren hat, schafft es Bent, ein einfaches Mädchen, Tochter einer armseligen Hure, sich eine sichere Zukunft aufzubauen. Ihr Streben, einen richtigen Namen zu erhalten, damit die Götter sie im Jenseits einst finden, führt sie in das vornehme Haus des Men. Doch hinter diesen Mauern wohnt das Grauen, denn dort begegnet ihr Amenophis Hapu. Diese schicksalhafte Begegnung verändert ihr Leben für immer! Tapfer wagt sie dennoch einen Neuanfang, findet im Tempel der Bastet die Liebe ihres Lebens. Auf ein zukünftiges Glück hoffend, wird sie bitter enttäuscht und schwört im Zorn der grausamen und tückischen Sachmet, der mächtigsten und gewaltigsten Göttin Ägyptens einen blutigen Schwur. Ein zweites Mal begegnet Bent Amenophis Hapu, aber selbst Die Mächtige kann sie nicht vor ihm beschützen! Verletzt, gedemütigt, krank an Leib und Seele bringt man sie in den Tempel der Isis, doch dort sollen Zauberinnen wohnen…
Bald kämpfen die mächtigsten Göttinnen Kemets um das Schicksal des Mädchens und um die Zukunft des Schwarzen Landes.

Leseprobe:


„Nein! Das werde ich ganz gewiß nicht tun!“

Das Mädchen stampfte mit dem Fuß auf, Tränen der Wut kämpften mit dem Gefühl, nicht mit dieser Situation fertig zu werden. Angst mischte sich in ihre Wut, ebenso das Aufbegehren gegen ein unbestimmtes Schicksal. Mit zu Fäusten geballten Händen schaute sie ihre Tante mit tränengefüllten Augen an. Die Lippen bebten und sie biß sich auf die Zunge um nicht zu rufen: „Bitte nicht, alles, nur das nicht!“

Die Tante hatte sich umgehört, in Erfahrung gebracht, daß im Hause des Men ein Mädchen für die Küche und die groben Arbeiten gesucht würde. Bent kannte keinen Men, wußte nichts von der Welt außerhalb. Sie kannte nur das schmutzige Haus, in dem sie lebte, die dummen Stiefgeschwister und ihre Arbeit.

„Was soll ich sonst tun?“, nölte die Tante überspannt. „Ich kann dich nicht länger hierbehalten. Du siehst doch selbst was los ist. Ich weiß nicht, wie ich dich auch noch satt bekommen soll!“

Bent biß sich abermals auf die Zunge und verkneifte sich ein „Dann hättest du ihn vor dir herunterstoßen sollen!“

Grimassen schneidend strich die Schwangere sich über den dicken Bauch, setzte sich mühevoll auf einen alten, morschen Stuhl, schaute dem trotzigen Mädchen ins Gesicht.

„Wir haben kaum noch was zu essen. Es reicht nicht mal für uns sieben und jetzt das hier. Für ein sechstes Kind haben wir nicht genug! Du mußt gehen. Du bist nur ein unnützer Esser im Haus. Bist alt genug, um auf deinen eigenen Füßen zu stehen. Für deine Mutter tut es mir leid. Warum mußte sie sich auch verkaufen? Ging fort in die Stadt und kam mit einem dicken Bauch zurück! Halb verhungert wart ihr beide; sie obendrein noch schwanger. Kannst froh sein, daß ich dich aufgenommen habe und nicht wie deinen armseligen Bruder im Tempel des Thot abgegeben habe. Und was denkst du, hat mich ihre Beerdigung gekostet? Hä? Meinst du, du hast das schon alles abgearbeitet? Denkst du eigentlich auch mal dran dankbar zu sein?“

Die Frau erhob sich wieder aus dem Stuhl. Mit lauerndem Blick schnupperte sie in die Luft. Bent roch es auch und ahnte Schlimmes.

„Verdammt sollst du sein, du dumme Göre! Du Tochter eines Säufers!“ schrie die Schwangere. All ihre zur Schau gestellte Friedfertigkeit war dahin. Mit voller Wucht traf ihre Hand Bents Wange. „Das Brot!“ schrie sie. „Nimm es endlich aus dem Ofen! Soll es denn ganz verbrennen. Unglückseliger Wurm, was habe ich nur getan, daß mich die Götter mit diesem Balg strafen? Fünf Jahre hast du es dir hier gut gehen lassen. Höchste Zeit, daß du verschwindest!“ Jetzt fiel ihr der Brotschieber in die Hand. Unbarmherzig schlug sie mit dem flachen Ende Bent auf den Bauch und auf die Schultern. Sie schlug so heftig, daß der Stiel abbrach. Der Rest des Schiebers fiel vor Bents Füße. Die hob ihn schreiend auf, hob den Arm über den Kopf, duckte sich vor dem nächsten Schlag, klaubte hastig mit der anderen Hand die Brotfladen von den heißen Wänden. Sie verbrannte sich Arme, Hände und Finger, als sie das fast vollkommen verkohlte Brot schnell in den Korb legte. Zehn Fladen klebten im Ofen. Die Arbeit des ganzen Vormittags, das Essen für die nächsten Tage. Doch nun war alles verbrannt. Dieses Brot würde man nur in Milch aufgeweicht essen können. Aber die Ziege war nicht mehr jung, deshalb gab es etwas weniger Milch. Bent wußte ganz genau, wessen Brot daher in Wasser getunkt wurde.

Sie leckte sich die Brandblasen an den Fingern, blies darauf, rieb sich den schmerzenden Bauch, die brennende Schulter und hielt verbissen die Tränen zurück. Die Tante war längst im Innern der Bruchbude verschwunden. Wütend warf Bent den Stiel nach ihr. „Meine Mut hat mich nie geschlagen! Meine Mut war lieb mit mir! Du bist ein Ungeheuer!“

„Ich komm dir gleich raus, du Rotzgöre!“

Vielleicht war es besser zu gehen. Fort von diesem Haus mit der keifenden Tante, dem schweigsamen, verbitterten, versoffenen Onkel, den unausstehlichen Kindern. Morgen oder sogar schon heute Nacht würde es noch ein Kind mehr sein. Fünf dieser Bälger. Noch ein Schreihals, um den Bent sich dann kümmern mußte. Noch mehr Arbeit, noch mehr Müdigkeit, noch mehr Schläge, noch mehr Hunger! Sollte sie wirklich gehen? „Vermissen würde ich dich bestimmt nicht!“, giftete Bent.

Die Tante. Sie kannte diese Frau nur schwanger. Seit sie in diesem Haus wohnte, lief die Tante Jahr für Jahr mit einem dicken Bauch herum. Bent betrachtete mißmutig das Elend, in dem sie da hauste, den verlotterten Innenhof mit dem kaputten Ofen, rümpfte die Nase über den Unrat, der sich bis zur obersten Kante der Umfassungsmauer des kleinen Hauses türmte, streckte den beiden nackigen Stiefgeschwistern, die in einer Ecke standen, die Zunge raus. Noch nie hatte Bent schmutzigere und klebrigere Kinder gesehen. Sie gab sich alle Mühe; steckte sie jeden Abend ins Wasser, doch nur kurze Zeit darauf, noch vor der Schlafenszeit, waren sie abermals dreckig.

Das eine bohrte jetzt tief in der triefenden Nase, stand mit offenem Mund blöde gaffend da, das andere pinkelte doch tatsächlich neben dem Korb mit dem Brot. Eine Ratte huschte vorüber, die räudige Hauskatze hinterher und zu allem Elend kamen die zwei Gänse auch noch zum Ofen gewatschelt.

Eilig griff Bent nach einem Palmenwedel – in einem besseren Zustand hätte man es Besen nennen können - schlug ihn dem pinkelnden Kind gründlich um die Ohren. „Du bist ein Riesenferkel!“, schnappte sich das Brot, wehrte die fauchenden Gänse ab, flüchtete ins Innere des Hauses, nahm dort den Korb mit der Wäsche, rief die beiden klebrigen, plärrenden Gestalten aus dem Innenhof, nahm das Kleinste aus der Wiege, band es in ein Tragtuch und rief den Jungen. Ihm drückte sie das Klopfholz und die Seife in die Hände. Mit dieser Last trabte sie hinunter zum Waschplatz am Kanal.

Hierher kam sie gerne. Da waren die Frauen unter sich, lachten, scherzten, schimpften während sie ihre Wäsche wuschen. Das rhythmische Klopfen beruhigte Bent immer und es fanden sich genug Kinder, mit denen sich die Geschwister zanken konnten. Hier konnte Bent einen klaren Gedanken fassen, hier hatte sie ihre Ruhe.

Während sie die Wäsche schrubbte, platzten ihr die Brandblasen an den Fingern. Sie achtete aber nicht auf den Schmerz, denn sie dachte nach:

Sie war zwölf Jahre alt, die Tochter einer armseligen Hure und ihres Freiers. Sie war das Kind einer Frau, deren ganze Phantasie sich darin erschöpfte, ihr Kind wie eine Ausländerin Bent zu nennen: ‚Tochter‘. In den billigen Schenken wuchs sie auf, teilte ihre Kindheit und ihr Nachtlager mit den Freiern der Mutter. Doch die Erinnerung an ihre schwache, zarte, liebe Mut verblaßte mit jedem Jahr mehr. Damals zog sie zu ihrem Bruder ins Haus um ihren verkrüppelten Sohn zur Welt zu bringen und dann daran zu sterben. Nichts ließ sie zurück, nur ihre kleine Tochter. Seit fünf Jahren lebte Bent jetzt im Hause ihres Onkels, der sich um nichts kümmerte außer um die Verbreitung seiner eigenen Brut. Sollte sie wirklich gehen? Alles mußte besser sein als dieses Leben.

Aber... es war das einzige zu Hause das sie hatte.

Während sie nun die dreckigen Kinder in die reinigenden Fluten des Nils steckte, dabei energisch ihre schmutzigen Körper abschrubbte, kam sie zu dem Entschluß, doch zu gehen. Sie fand Läuse im verfilzten Haar ihrer Base. Sie seufzte und rieb noch mehr von der billigen Seife auf den Kopf des Kindes. Wenn sie ein ordentliches Messer bei sich hätte, wären die Läuse bald verschwunden. Sie schüttelte das Kind: „Oh, warte! Zu Hause, da werde ich dir den Kopf scheren. Und den andern auch!“

 

 

Müde war sie, denn sie hatte einen langen Weg hinter sich.

Aus dem armseligen Dorf, weit im Süden, längst außerhalb der Stadtgrenze Uasets, [1] war sie bis in die Stadt gewandert. Tief in ihre Gedanken versunken, bemerkte sie kaum, daß ihre bloßen Füße sich bald der Stadtmitte näherten. Erst als sie auf ein spitzes Steinchen trat, kehrte ihr Geist wieder zu den unsinnigen Warnungen ihrer Tante zurück: „Du gehst über die Brücke oben am Kanal, marschierst durch das Fischerviertel. Wag‘ es ja nicht in eine Schenke zu gehen! Halt dich von den Kerlen fern!“, bekam sie zu hören, bekräftigt von unbarmherzigen Klapsen gegen ihren Hinterkopf. „Dann fragst du weiter, mußt an einem Palmenwald vorbeikommen, nach dem Palmenhain kommt dann ein Tempel. Dort stößt du wieder auf die Straße, die neben dem Nil hergeht. Wenn sie mit Steinen gepflastert ist, ist das der richtige Weg. Dort gehst du rechts herum, ein Stück geradeaus. Dann kommt wieder ein Tempel, den kannst du gar nicht verfehlen. Frag dort nach dem Haus wenn du nicht zu dumm dazu bist.“ Sie musterte Bent wie ein ekliges Insekt, setzte dann noch einen drauf: „Hüte dich bloß vor dem Tempel der Isis! Nichts als Zauberinnen sitzen in seinen Mauern, dazu gemacht, kleine, dumme Mädchen wie dich einzufangen und für ihre Zwecke zu benutzen!“

Bent glaubte nicht an solche Märchen. Nein, gewiß kam der großen Göttin anderes in den Sinn, als kleine Mädchen zu rauben. Und doch, sagte man nicht:

Isis ist eine weise Frau, ihr Herz listiger als das von Millionen Menschen. Ihr Spruch erlesener als der von Millionen Göttern, sie hat tiefere Einsicht als Millionen Geister. Es gibt nichts, was sie nicht weiß im Himmel und auf Erden..

„Nimmt denn dieser Weg überhaupt kein Ende?“, grummelte sie vor sich hin. „Ah, da führt der Pfad wieder hinab zum Nil. Noch durch den schattigen Palmenhain.“ Welch eine Wohltat nach der prallen Sonne. Das Sonnenlicht zauberte am Boden ein lustiges Muster auf den reifen Datteln, die am Boden zum Trocknen lagen. Über ihr, in den Wipfeln hörte sie Rufe und Pfiffe. Da plätscherte ein Brunnen, dankbar sank sie für eine kurze Rast auf seine Ummauerung. Durch die Palmstämme hindurch blitzten strahlend weiße Mauern.

„Was ist das? Das Haus von Men?“, fragte sie den Dattelpflücker, der ihr Wasser aus dem Brunnen schöpfte.

„Das, Mädchen, das ist der Tempel der Großen Mutter! Wenn du zum Haus des Men willst, mußt du noch ein Stück da lang laufen.“ Freundlich erklärte er ihr den weiteren Weg und drückte ihr gar noch eine Handvoll frischer Datteln in die Hand. So gestärkt wanderte sie weiter, sich große Mühe gebend, nicht allzusehr zu gaffen, als sie an den ersten vornehmen Villen vorbeiwanderte. Mit offenem Mund starrte sie die feinen Leute an, bewunderte die schönen Barken an den Anlegern, hopste rasch zur Seite, als ein mit riesigen Tonkrügen vollbepackter Eselskarren auf sie zu steuerte. „Man fragt sich, wer hier der Esel ist!“, plärrte der Mann auf dem Karren.

„Du doch wohl!“, wetterte sie zurück. „Du siehst doch, daß ich hier gehe!“ Sie warf ihm eine Dattel an den Kopf und rannte schnell durch die Menge der Leute. Japsend blieb sie ein paar zwanzig Ellen weiter stehen. Das war der Tempel, da, auf der anderen Straßenseite, ohne Zweifel! Auf seinen mächtigen, weiß gekalkten Mauern prangten bunte Bilder. Sowas hatte sie noch nie gesehen! Blau, Grün, Gelb, Rot! Wie kamen die Farben dahin? Und wo kamen die Farben her? Von Blumen? Das Blau vielleicht gradewegs aus dem Himmel? Das Grün vom heiligen Nil? Und das Braun bestimmt von den fruchtbaren Äckern. Das Gelb offensichtlich von der Sonne darüber gegossen! Hier wohnte ein Gott, wer sonst hätte sich ein solch prächtiges Gebäude bauen können! Bent machte ein paar Schritte rückwärts um die große Front noch besser betrachten zu können.

„Kannst du nicht aufpassen, du Trampel!“ Sie stieß jäh mit einem Mann zusammen.

„Ach, du kannst mich gern haben!“ Sie setzte sich auf die Mauer, genoß die Aussicht, den kühlen Wind der vom Wasser her wehte, das Rauschen der Palmen, die die Straße säumten und bewunderte noch einmal gründlich das Haus des Gottes. Hinter ihr, unten am Wasser, zu dem breite Stufen führten, geschäftiges Treiben. Hier legten die bunten Fährboote ab, die zum westlichen Stadtteil übersetzten. Segel wurden gesetzt, Segel wurden eingeholt, Leute, Viehzeug, Tragsessel – was auch nur in die Fähren paßte - tummelte sich auf den Anlegern. Bent guckte eine Weile zu, genoß das bunte, fröhliche, lebendige Durcheinander, übertönt von Gesprächsfetzen, Lachen, Singen und hier und da auch Geschimpfe. Aber sie war ja nicht hier um den Fährleuten zuzugucken

Hier mußte es irgendwo sein, hatte die Tante es ihr nicht mit Kopfnüssen eingeschärft? In einer Seitenstraße, südlich des Tempels. Bent fand, eine der vorbeihastenden Frauen mache einen ganz vernünftigen Eindruck; die fragte sie nach dem Weg.

„Ja, du bist hier am Ipet Resit [2]. Einen Men kenn ich nicht. Aber da ist nur eine Straße und auch nur ein Haus auf ihrer Ecke. Klopf doch dort einfach.“


[1] Das heutige Luxor, Theben: Die Stadt des Was-Zepters. Oder: Niut-resit, Die südliche Stadt. Im Gegensatz dazu die westlich des Nils gelegenen Stadtteile: Imentet-Waset oder Imentet-Niut, Die westliche Stadt

[2] Der südliche Harem, Tempel von Luxor

Die Titel "Am Horizont der Sonne", "Deshret Rote Erde", alle drei "Sachmet"- Bände , die Leseproben daraus und die Coverabbildungen sind urheberrechtlich geschützt!
Alleiniges Copyright © Katharina Remy
 

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