Sachmet Blutmond
 

 

Cover von "Sachmet Blutmond"

1. Auflage Oktober 2018
ISBN: 9783748146889
208 Seiten, 10,99 €
Als E-Book: 5,99 €


Klappentext



Zwei Frauen, zwei Schicksale – über Jahrtausende hinweg verbunden durch mystische göttliche Kraft

Ägypten lebt in Wohlstand und Frieden unter der Herrschaft von Pharao Amenhotep und seiner Gemahlin Teje. Doch der Kampf der großen Göttinnen Isis und Sachmet, über die Herrschaft der Seelen der Hohepriesterin Sahu-Re beginnt erst. Eine unheimliche Himmelserscheinung bedroht das Schwarze Land. Bent, von Visionen geplagt, fürchtet, Sachmet wolle ein zweites Mal die Menschheit vernichten.

1389 v. Chr.: Uaset, Kemet
Bent, äußerlich geheilt, innerlich zerrissen, versucht ihrer grausamen Vergangenheit zu entfliehen, nimmt daher das Amt der Hohepriesterin im Tempel der Isis an. Doch das Studium der geheimen Schriften und das Lernen der Heilkunst sind nicht ihr alleiniges Bestreben. Fieberhaft versucht sie aus den Mysterien der Isis Heka Achu zu lernen – das Zaubern! Wird es ihr gelingen, das Grab ihres Kindes und ihrer Freundinnen zu finden? Wird sie es schaffen, ihr Haus aus Trümmern auferstehen zu lassen? Denn eines Tages steht sie wieder ihrem Peiniger Amenophis Hapu gegenüber! Und was sie einst der furchterregenden Sachmet geschworen hatte, nimmt unverhofft eine blutige und grausame Wendung.


Leseprobe:


„Ich heiße Kara!“

Bent erwachte wie aus einem Alptraum, als die junge, ziemlich verheult aussehende Frau eintrat und sich vorstellte. Sie räumte den Teller mit dem Wasser beiseite, worin sie seit dem Sonnenaufgang wie ein Geist gestarrt hatte. Diese Augen! Waren das ihre? Je länger sie sich angeschaut hatte, umso heller waren sie geworden. Unheimlich, bleich, wie die Augen von Blinden, ohne Leben und Feuer. Und wie ein Schleier - ganz so wie jener, den sie sich immer vors Gesicht gelegt hatte, wenn sie sich unerkannt in der Stadt bewegen wollte – wie ein Schleier, den man sich von den Augen hebt, lichtete sich mit der aufgehenden Sonne ihr Geist. Schmerzlich kam ihr zu Bewußtsein, wer sie war. Beinahe alles kam ihr in den Sinn. Ihr Leben und was noch viel schlimmer war: ihr Sterben! Die schrecklichen Erlebnisse der vergangenen Nacht waren doch niemals ein Traum gewesen? So etwas Grauenvolles träumte man doch nicht? Sie selbst sterbend am Boden. Dazu diese gewaltige Löwin hier in diesem Raum, die während eines grausamem Kampfes mit Iaret im Blutrausch deren Kehle durchbissen hatte; schließlich diese funkelnde Göttin, die die rasende Löwin vertreiben konnte.

Geistesabwesend wischte Bent das verschüttete Wasser von der Tischplatte, rückte den Stuhl zurecht. Nervös schaute sie die Besucherin an. Irgendwo in den Tiefen ihres Bewußtseins war sie sich sicher, diese junge Frau schon einmal gesehen zu haben. Doch wo und wann?

„Ich soll dir das hier geben“, Kara hielt ihr zitternd einen dicken, klimpernden Schlüsselbund und eine Schriftrolle hin. Bent griff gedankenverloren danach. „Iaret hat mir gesagt, daß ich dir das geben soll. Sie hat auch gesagt, wenn sie heute nicht mehr hier sei, wärest du ab jetzt die Oberste unseres Hauses. Sie ist nicht mehr hier. Sie verstarb letzte Nacht.“ Kara hob den Ärmel ihres Kleides und wischte sich damit kräftig über die laufende Nase und den Tränen auf ihren Wangen.

„Tot?“ Bent räusperte sich mehrmals; diese Stimme kam doch nicht aus ihrer Kehle? Rauh, hart, wie wenn sie gestern den ganzen Tag lang verschwitzt und erhitzt in einem zugigen Korridor gestanden wäre. „Sie war aber hier!“ Wieder dieses Krächzen. Tief und dumpf aus den Tiefen ihrer selbst, unheilvoll und böse klingend. Mißmutig, voller Angst, geschockt von dem in der Nacht erlebten schaute sie der Besucherin ins Gesicht. Diese schien ebensolche Angst zu empfinden. Scheu, bebend, zögernd stand sie ihr am Tisch gegenüber.

„Ich habe Funken gesehen“, erklärte Kara mit bebender Stimme. „Und Iaret verschwand…“ Abermals schneuzte sie sich heftig in den Ärmel. Und da sie sich offensichtlich in ihrer Trauer Asche aufs Haupt gestreut hatte, staubte sie auch ein wenig. „Da ist eine kleine Luke in der Tür. Ich habe das alles mit eigenen Augen gesehen. Aber… es… ich will es gar nicht wissen, und… Iaret hat gesagt, alles käme ins rechte Gleichgewicht. Also bist du ab heute hier verantwortlich… ich will und werde das nicht anzweifeln. Aber du wirst verstehen, daß ich für den Moment…“ Ihr versagte die zitternde Stimme.

Bent beugte sich wütend über den Tisch: „Ich kann das nicht!“ Fauchend klang das, wütend und unbeherrscht.

„Aber du wirst doch schon mal ein Haus geführt haben?“ Fast meinte Bent, kaltes Entsetzen in Karas Stimme zu hören. „Du bist eine erwachsene Frau, hattest bestimmt Mann und Kinder…“

„Schweig!“ Bent fauchte wie eine in die Enge getriebene Katze. „Ich habe weder Mann noch Kinder!“

Ich hatte ein Haus, schoß es ihr durch den Kopf, ich hatte ein Kind, ich hatte einen Mann… Kurru, nein! Nein, ein anderer? Parser? Wer bin ich? Amenophis Hapu? Oh, dieser Name flößte ihr Furcht ein, niemals gehörte diese Person ihrem Leben an. Nefertem? Wie Schwälbchen im Spätsommer schwirrten die Gedankenfetzen in ihrem Kopf umher. Nefertem! Ja, das hörte sich richtig an. Idris? Ach, würden sich doch nur ihre Gedanken ordnen!

„Was ist das hier für ein Haus? Was für eine Wirtschaft?“

Kara wich immer weiter zur Tür zurück. Bent versuchte sich zu beherrschen. Diese Stimme! Oh, sie verstand! Davor hatte Kara Angst. Und bestimmt auch vor den bleichen, toten Augen. „Bitte!“, versuchend, sich ein Flehen in die Stimme zu legen, trat sie hinter dem Tisch hervor. „Ich… es ist, als hätte ich gestern viel Wein getrunken. Ich weiß nicht, wo ich bin, wer ich bin, warum ich hier bin. Und dann kommst du, und sagst, ich solle hier das Haus übernehmen.“

„Du bist im Tempel der Isis!“ Einem abermaligen trompetenden Schneuzen folgte ein bedauernswerter Schluchzer.

Bent sank zurück auf den Stuhl. Beißend klar und schonungslos lichteten sich die Schatten der Vergangenheit. Lauter unsinnige Gedanken kamen ihr. Waren das ihre eigenen? Oder wurden sie ihr von grausamen, unheimlichen Dämonen der Unterwelt eingeflüstert? Sie glaubte, eine keifende, zänkische Stimme zu hören: „Hüte dich vor dem Tempel der Isis! Nichts als Zauberinnen sitzen in seinen Mauern, dazu gemacht, kleine, dumme Mädchen wie dich einzufangen und für ihre Zwecke zu benutzen!“

„Seit wann?“

„Beinahe zwei Jahre!“

„Und wieso kann ich mich nicht daran erinnern?“

„Du warst sehr krank.“

„Aber jetzt bin ich gesund? Und die Herrin dieses Hauses?“ Der Spott in Bents Stimme war nicht zu überhören. „So, wie ich jetzt aussehe? Ich war verbrannt, entstellt, aber ich meine, mich zu erinnern, daß weder meine Augen so aussahen noch daß sich meine Stimme so schauderhaft anhörte. Als würden Raben krächzend um einen Kadaver fliegen…“

Ein leises „Mau“ unterbrach sie. Sanft strich ein Kätzchen um ihre Beine. Sandfarben mit grünen Augen. Es rieb sein Köpfchen an ihrer Wade und schnurrte.

„Das ist ja Iarets Katze!“ Kara freute sich wirklich das Tier zu sehen. Bent nahm es hoch, legte es sich in den Arm wie einen Säugling, drückte es liebkosend an die Brust: „Ich hielt immer Katzen. Meist schwarze. Aber du bist wohl eine kleine Löwin?“ Sie kraulte das Kätzchen hinterm Ohr.

„Sie heißt Bast!“ Kara zog den zweiten Stuhl bei, in den sich zögerlich setzte.

„Ach was? Nein, wirklich ein toller Name für eine Katze! Fürwahr!“, schnaubte Bent spöttisch, „Fast so grotesk wie mein Name!“ Das Kätzchen wand sich aus der Umarmung, setzte sich vor Bent auf die Tischplatte und stupste Bents Nase mit ihrer eigenen an. „Wir zwei verstehen uns!“ Bent zwinkerte und streichelte das Tierchen über den Rücken. Mit einem Satz hüpfte Bast vom Tisch auf das Bett, kuschelte sich in der Decke ein, schnurrte was das Zeug hielt. Bent betrachtete den einfachen Raum: etwas düster, sehr altes Gemäuer. An den Säulen erkannte man beinahe verwitterte Medu Netjer [1], durch die Öffnungen unter der hohen Decke kam kaum Licht. Ein in die Jahre gekommenes Bett, dieser massive Tisch an dem sie saß mit seinen zwei Stühlen, ein kleiner, zierlicher Eßtisch vor einem altersschwachen Sessel, ein Wasserkrug mitsamt Ständer und eine altmodische, rußige Lampe bildeten neben einer Truhe die gesamte Einrichtung.

Die Tür wurde aufgerissen, eine Frau hastete herein, hielt einen Moment inne, betrachtete mißbilligend die anscheinend in angenehmen Plausch vertieften Frauen am Tisch.

„Was quatschst du hier, Kara! Los, komm! Iaret bricht zu ihrer letzten Reise auf. Laß sie, sie ist nur eine arme Irre!“

„Iaret hat aber gesagt…“, versuchte Kara einen Einwand, aber die andere unterbrach sie barsch: „Iaret ist tot und draußen stehen die Mumienmacher. Du bist Iaret einen würdevollen Abschied schuldig. Und dann sieh zu, daß du hier alles am Laufen hältst. Auf wen sollen wir uns nun verlassen, wenn nicht auf dich! Und jetzt komm!“, sie griff Kara zornig am Arm und wollte sie vom Stuhl hochziehen, „Weg hier, die ist unberechenbar!“

„Laß mich los, Pesechet!“ Kara zerrte ihren Arm aus Pesechets Umklammerung und, wütend geworden, ein weiteres Schriftstück aus ihrer Kleidertasche. Obwohl Bent Kara erst wenige Augenblicke bewußt kannte, Wut oder Widerstand hätte sie dieser jungen Frau niemals zugetraut. Die andere las derweil das Schreiben, stopfte es grob zurück in Karas Tasche. Aschfahl geworden verließ sie wortlos den Raum und knallte die Tür hinter sich, daß es nur so schepperte.

Bent stand auf, kam um den Tisch herum, Kara kauerte sich auf dem Stuhl, die pure Angst im Gesicht. Anscheinend den letzten Mumm zusammenkratzend, erhob sie sich und machte Anstalten rückwärts den Raum zu verlassen. Bent war schneller und versperrte ihr den Fluchtweg. Wie ein Vögelchen in der Falle schaute sich Kara um. Von hier gab es kein anderes Entkommen als durch diese eine Tür. Bent schaute in das kleine liebe Gesicht der anderen, die gut einen Kopf kleiner als sie selbst war, zierlich, und Bents Meinung nach nicht unbedingt sehr helle. So flink und grausam wie eine Katze eine Maus fängt, drehte sie Kara einen Arm auf den Rücken, entwand ihr das Schriftstück, setzte sich wieder und begann zu lesen:

 

Wenn ich nach dieser Nacht nicht mehr bin, Kara, dann wirst du dafür sorgen, daß Bent, Die Tochter der Löwin, Die Tochter der Blüten, jene Bent, die wir hier im Hause gesund gepflegt haben, als meine Nachfolgerin meinen Posten einnimmt. Mit allen Pflichten die mit diesem Posten verbunden sind. Uneingeschränkt und unwiderruflich. Sie wird ab heute Sahu-Re genannt! Lehrt sie alles was sie wissen muß. Ich will daß du sie so liebst, wie du mich geliebt hast; daß du ihr so treu zur Seite stehst wie mir. Das ist keine Bitte, Kara, das ist mein Wille und Der großen Mutter, unser aller geliebten Göttin Isis‘ Gesetz.

 

Bent stopfte, wie eben Pesechet, das Schreiben zurück in Karas Tasche. Diese stand immer noch wie angewurzelt mitten im Raum.

„Ich habe keine andere Wahl, oder?“, fragte Bent nun kleinlaut.

Kara schüttelte den Kopf: „Wohl nicht!“

„Wieso bin ich eine Irre?“

„Ich sagte doch, du warst sehr krank.“

„Das ist ein weiterer Alptraum!“, stöhnte Bent und ließ den Kopf in die auf dem Tisch verschränkten Arme sinken. „Ich wollte, ich gäbe endlich wach!“, brüllte sie unbeherrscht, stand so hastig auf, daß der Stuhl polternd hintenüberkippte, trat wütend gegen den Bettpfosten, riß das Laken vom Bett, die Katze flüchtete fauchend. Sich ganz in das Leintuch einwickelnd, hob sie den Stuhl hoch und setzte sich, einer eingewickelten Mumie gleich, wieder an den Tisch.

„Iaret war gut zu mir“, flüsterte sie nun. „Euer Verlust tut mir leid!“

Kara trat einen vorsichtigen Schritt näher. Immer noch lief ihr die Nase, die Augen rot vom Weinen, aber in ihr wohnte wohl ein sonniges Gemüt, das unerschütterlich an alles Gute in der Welt glaubte.

„Das ist Iarets Gemach“, bemerkte sie nun zögerlich. „Du solltest nicht an ihr Bett treten. Sie war mir wie eine Mutter. Und jetzt du hast ihre Augen...“ Heftiges Schluchzen, gefolgt von hingebungsvollem Schneuzen zeigte Bent an, daß die Ärmel von Karas Kleid einiges aushalten mußten. „Iaret hat sehr einfach gewohnt.“ Kara putzte sich ein letztes Mal die Nase. „Ihr war jeglicher Pomp zuwider. Wir haben einen Kellerraum, dort stehen viele ungenutzte Möbel. Jede von uns kann sich dort was aussuchen und nehmen, was ihr gefällt. Wenn du dich neu einrichten möchtest.“

Bent wachte aus ihrer eigenen Sorgenwelt auf: „Später! Du sagst, ich soll hier…“ Wie formulierte man das?

Herrschen?

Regieren?

Die Wirtschaft übernehmen?

Vorbeten?

Vorbild sein?

„Ich hatte ein Haus“, fuhr sie fort, „und ich weiß, wie man eins führt. Es war nicht groß, aber dennoch dürfte es kein Problem werden. Sag mir, Wieviele hier wohnen, wer wann für – ich denke es ist bald Zeit für das erste Mahl – das Essen verantwortlich ist. Ich denke nicht, daß ich selbst kochen muß. Oder? Oh, ihr Götter, steh doch nicht so entgeistert da an der Tür, setz dich hin und hilf mir!“

„Du mußt doch nicht kochen!“ In Karas Gesicht stand der reine Unglaube. „Du mußt dich hier um die Buchführung kümmern, du mußt dich hier um die Apotheke kümmern, du mußt eine Heilerin werden, du mußt…“

Ich führte ein Hurenhaus! brüllte es in Bents Kopf. Diese neuerliche Erkenntnis über sich selbst brachte sie kurzzeitig aus der Fassung.

„Frau!“, blaffte sie Kara an und fuhr wütend von dem Stuhl hoch. „Ich habe doch keine Ahnung von Heilkunst! Bist du denn von Sinnen? Buchhalterei, ja, das kann ich! Stopfen und flicken und Wäsche waschen kann ich, und auch kochen zur Not. Aber was, bei allen gütigen Göttern, ist Apotheke?“

Als hätte Kara diesem abermaligen Wutausbruch nicht gehört, fügte sie noch kleinlaut hinzu: „…du mußt Isis huldigen!“

Ich bin eine Hure, Kara! Bent biß sich so heftig auf die Zunge, daß ihr die Tränen kamen. Fluchend leckte sie einen Finger ab, schmierte das bißchen Blut und Spucke an ihr Kleid, goß sich den Becher voll Wasser, nahm einen großen Schluck, spülte damit die schmerzende Zunge. Wie ein dummer, klebriger Gassenjunge zog sie ordentlich hoch und spie die ganze ekelhafte Brühe einfach auf den Boden.

Eine feine Dame, Herrin liebe, seid ihr aber nicht. Niemals nicht würde Dame so etwas auch nur denken, geschweige denn tun! Weißt du was Kurru? Du kannst mich…

„Wie soll ich denn der großen Mutter huldigen?“, sagte sie laut, „Seid ihr… Ach…“, keifte sie abfällig und schlug sich gegen die Stirn, „ihr habt doch nicht alle Latten am Zaun!“

„Iaret hat gesagt…“ Dicke Tränen hingen schon wieder in Karas Wimpern, resigniert ließ sie die Schultern fallen und hauchte: „…Ich weiß es nicht!“

Schweigend saßen sie sich gegenüber, jede grüblerisch in ihre Gedanken versunken. Kara leise vor sich hin schniefend, Bent an die vergangene Nacht denkend.

Diese Stimme! Diese sanfte Stimme, kurz vor dem Morgengrauen, in ihrem Kopf! So sanft, so gütig, so eindringlich! Je heller die Sonne stieg, um so deutlicher klang sie:

‚…Du kannst nicht davonlaufen! Nicht vor dir, nicht vor deinem zukünftigen Leben, erst recht nicht vor mir...‘

‚…von nun an, bis ich dich wieder gehen lasse, bist du Sahu-Re…‘

‚…Wenn du es wirklich willst, werde ich dich gehen lassen, Sahu-Re. Aber sei dir gewiß, daß dies den Tod mit sich bringt. Wenn du bleiben möchtest, dann erfülle die Aufgabe, mit der ich dich betraue. Ich werde über dich wachen, so wie ich über Iaret und viele andere gewacht habe. Du brauchst dich nicht zu fürchten, Sahu-Re, denn ich bin Isis…‘

Und ich bin eine vollkommen unberechenbare Irre!

Ich soll bleiben und eine Aufgabe erfüllen? Oder gehen und daran sterben! Bent schauderte, blickte sich abermals in der Kammer um. Die vergangene Zeit, welche sie hier im Haus verbrachte, stand auf einmal vor ihrem geistigen Auge. Die Pflege, welche ihr zuteil wurde, die Liebe und der unerschütterliche Glauben an ihre Heilung. Bent versuchte die unguten Gedanken zu ordnen. Angenommen, sie sei tatsächlich irre und bildete sich die Drohung vom Gehen und Sterben nur ein und sie ginge wirklich, wohin sollte sie gehen? Sie besaß weder Heimat, noch Familie, noch Freunde… Und wieso Sahu-Re? Was sollte dieser Name? Sie, der Re nahe ist? Wieso sollte der Sonnengott, der König aller Existenz, ihr zur Seite stehen?

Unvermittelt Karas Verzweiflung gewahr, faßte sie jetzt einen tapferen Entschluß:

„Welche Position hast du im Haus?“ Karas Leid rührte irgendwie ihr Herz. Und, praktisch veranlagt, wie sie einmal war, suchte sie meist nach der sofortigen Lösung eines Problems. Hier fiel offensichtlich Arbeit an, und die mußte sie irgendwie bewältigen.

„Ich bin Iarets Stellvertreterin. War!“

„Also wärest du nachgerückt? Sitze ich jetzt auf deinem Posten?“

„Darüber haben wir nie geredet.“ Kara sank immer tiefer auf dem Stuhl. „Darum geht es nicht.“ Sie straffte sich, stand auf. „Hier leben an die dreißig Frauen, Priesterinnen und Heilerinnen. Dazu kommen ungefähr genauso viele Mägde.“ Anscheinend gefaßt, genauso praktisch veranlagt wie Bent, ging sie die Sache nun richtig an. „Außerdem haben wir fünf Köchinnen und zwei hauptamtliche Wäscherinnen. Zudem pflegen wir acht alte Damen; unsere Vorgängerinnen, alles Priesterinnen.“

„Das hört sich nicht allzu schlimm an und dürfte zu schaffen sein.“ In Bents heiserem, düsteren Gekrächze schwang Erleichterung. Kara machte große Augen: „Und noch die Kranken und Schwangeren und die im Kindbett – im Moment haben wir einiges zu tun, es sind bestimmt vierzig bis fünfzig Leute.“

„Wie bitte?“ Bent glaubte, sich verhört zu haben. „Aber ich kann doch kein Haushaltsvorstand für an die hundertzwanzig Leute sein!“

„Wir wissen doch alle, was zu tun ist, jede hat ihre Aufgabe. Du mußt sie nicht beaufsichtigen. Wenn die Köchinnen und Wäscherinnen zusätzlich Frauen brauchen, stellen sie welche ein. Auch der Gärtner hat seine Leute unter sich und bestellt je nach Arbeit welche zusätzlich. Ebenso die Wächter und die Bootsleute. Die Bauern kümmert es auch nicht, wer hier gerade das Sagen hat.“

„Aber das werden ja immer mehr. Bald arbeitet wohl die halbe Stadt hier! Und was ist Apotheke?“

„Da werden die Arzneien angerührt. Und die Pflanzen und Gifte für die Arzneien aufbewahrt. Im Keller. Du mußt diese Schlüssel gut verwahren! Niemand, außer den geweihten Priesterinnen, darf dort hinein. Alle anderen Heilerinnen, die Medizin brauchen, schreiben das abends auf und geben es einer von uns. Sie warten morgens darauf. Nur Pesechet, Uadja, Mesechnet, Iaret äh… du und ich dürfen das herausgeben.“

„Gift?“ Bent schwirrte der Kopf, das war jetzt aber doch bald alles zuviel. Schon fluchte sie über sich selbst.

„Pesechet wird dir anfangs zur Seite stehen können, sie hat die meiste Ahnung.“

„Die von eben?“, höhnte Bent, „Die wird mir eher den Kopf abreißen oder mich vergiften, als mir zur Seite zu stehen! Die meiste Ahnung? Wenn das so ist, warum habt ihr nicht gleich sie genommen? Da! Werdet glücklich!“ Abermals kochte ihr hitziges Blut hoch, raffte Schlüssel und Schriftstück zusammen, hielt es Kara vor die Nase. Doch der Blick auf ihre Hände erinnerte sie schmerzhaft an die vergangene Nacht: die schönen Hände einer jungen Frau. Schlank, glatt, gepflegte lange Fingernägel, ohne Schwielen vom vielen Arbeiten. Eine Zeitlang hatten ihre Hände nicht so ausgesehen. Denn bis gestern waren sie verkrümmt, verbrannt, entstellt und vernarbt. Häßlich! Und noch häßlicher ihr verbranntes Antlitz!

Kara stand unbewegt vor ihr, im Gesicht die offene Frage: Was ist nun? Wollen wir beginnen?

Bent strich mit der freien Hand über ihre Wangen, den Hals und über den Ausschnitt. Sie fühlte nur glatte, saftige Haut. Wie neu geboren! Wie ein Geschenk! So wie früher, wenn sie in einem Anfall von verschwenderischem Luxus in parfümierter Milch gebadet hatte.

„Oh, mein Kind! Mein schönes Haus! Mein Leben…“ Traurig legte sie Schrift und Schlüssel zurück auf den Tisch.

„Iaret ist für mich gestorben! Und diese große Tat soll nicht umsonst gewesen sein! Und ich will kein zweites Mal sterben, Kara, ich werde sehen, daß ich mich um alles kümmere. Ich nehme das Amt an! Ich bin Bent, und ich werde es richtig lernen!“


[1] Gottesworte, Hieroglyphen



Die Titel "Am Horizont der Sonne", "Deshret Rote Erde", alle drei "Sachmet"- Bände , die Leseproben daraus und die Coverabbildungen sind urheberrechtlich geschützt!
Alleiniges Copyright © Katharina Remy
 

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